Interview mit dem Direktor der zentralen Umweltschutzbehörde (EPA), Dr. Shen Shu-hung

Bild vergrößern

Der stellvertretende Leiter des Deutschen Instituts Mirko Kruppa führte am 22.12.2011 ein Interview zum Thema Nachhaltigkeit mit dem Direktor der taiwanischen Umweltschutzbehörde EPA, Dr. Shen Shu-lung

1. In einem Satz: Was bedeutet für Sie Nachhaltigkeit?
Dr. Shen: Nachhaltigkeit steht im Kontext zu biologischer Vielfalt, Ressourcenkreislauf, Katastrophenschutz und -bewältigung. Die Art und Weise der menschlichen Aktivitäten bestimmt, wie nachhaltig unsere Entwicklung ist.

2. Wie nachhaltig ist Taiwan heute und wie nachhaltig wird es in 20 Jahren sein?
Dr. Shen:
Lassen Sie mich Bezug nehmen auf die oben genannten vier Punkte.
Taiwan ist geprägt durch eine reiche biologische Artenvielfalt und hohe Vegetationsdichte. Das Umweltbewusstsein in der Bevölkerung wächst und die Erziehung in ökologischen Fragen zeigt gute Ergebnisse. Wir verzeichnen derzeit eine Recyclingrate von über 50% bei Haushaltsmüll. Irgendwann werden wir 100% erreichen. Nach den schlimmen Überschwemmungen infolge des Nari-Taifuns (2001) und des Morakot-Taifuns (2009) wurden der Hochwasserschutz entscheidend verbessert. Maßnahmen wie Armeeeinsätze, Armeebereitschaft und Evakuierung spielen eine wichtige Rolle bei der Verhütung und Bekämpfung von Hochwasserkatastrophen.
Zukünftige Überschwemmungen werden sicherlich nicht mehr so katastrophale Folgen haben.

Die Umweltschutzbehörde hat im November 2011 einen Masterplan für die kommende „Goldene Dekade“ entworfen, der 29 Projekte umfasst. Dieser Plan ist Basis für unsere Zukunftsstrategie: Taiwan soll ein emissionsarmes, ressourcenschonendes, sauberes, gesundes und nachhaltiges Land werden. Der Aufbau eines emissionsarmen Landes steht in engem Zusammenhang mit Technologie bzw. Infrastruktur für Energie, Energieeffizienz, Bauwesen, Verkehr, Umweltschutz u.a. Bereichen. Die politische und technische Umsetzung dieses Plans sind keine leichten Herausforderungen. EPA hat sich kurz-, mittel- und langfristige Ziele auf dem Weg zu einem emissionsarmen Land gestellt. Beginnend mit emissionsarmen Gemeinden und emissionsarmen Städten sollen später vier emissionsarme „Lebenskreise“, jeweils in Nord-, Mittel, Süd- und Osttaiwan eingerichtet werden. Wenn alle kräftig mithelfen, können wir in 20 Jahren eine Vorbildrolle für nachhaltige Entwicklung unter den Ländern Asiens einnehmen.

3. Wie können Deutschland und Taiwan beim Thema Nachhaltigkeit zusammenarbeiten?
Dr. Shen: Es gibt fünf große technische bzw. rechtliche Bereiche, in denen eine Zusammenarbeit besonders aussichtsreich ist: 1) Steigerung der Effizienz der Energieversorgung, dazu gehören kombinierte Strom/Wärme/Kälte-Versorger; 2) Verbesserte Energieeffizienz auf Verbraucherseite; 3) Ausbau der erneuerbaren Energien; 4) CO2-Abscheidung und -speicherung (CCS); 5) Zertifizierungs- und Fördersystem für emissionsarme, nachhaltige Gemeinden, z.B. in Taiwan genutzte Zertifizierung für grüne Gebäude – EEWH.
Deutschland gehört zu den führenden Ländern im Bereich erneuerbare Energien. Die Umweltschutzbehörde organisierte im September 2010 ein internationales Symposium unter dem Titel „Taiwans Chancen auf dem Weg zur emissionsarmen Gesellschaft – Entwicklung erneuerbarer Energien“. Im August und September 2011 folgten die Symposien „Technologien zur Reduzierung von Treibhausgasen“ und „Entwicklung erneuerbarer Energien und Einspeistarife in Deutschland“. Zu diesen drei Symposien wurden jeweils deutsche Fachleute eingeladen, um über Erfolge und Erfahrungen in ihrem Land zu berichten. Taiwan kann viel lernen von den deutschen Erfolgen im Umweltschutz, grüne Energie und Industrie, Energieeffizienz, CO2-Reduzierung und Treibhausgasverringerung. In all diesen Bereichen besteht gutes Potenzial für taiwanisch-deutsche Zusammenarbeit und Austausch. Wir ermuntern taiwanische Kommunen, Kontakte mit Städten in anderen Ländern zu suchen und bereits bestehenden Netzwerken beizutreten, so z.B. Climate-KIC.