Interview mit dem Direktor des Instituts für Wirtschaftsforschung der RoC, Dr. LIANG Chi-yuan

Der stellvertretende Leiter des Deutschen Instituts Mirko Kruppa führte am 02.11.2011 ein Interview zum Thema Nachhaltigkeit mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden des Instituts für Wirtschaftsforschung der RoC und ehemaligem Energieminister, Dr. LIANG Chi-yuan.


1. In einem Satz: Was bedeutet für Sie Nachhaltigkeit?
Dr. LIANG:
Nachhaltigkeit bedeutet, ein Gleichgewicht herzustellen zwischen menschlicher Aktivität und dem, was die Umwelt ertragen kann.
Das Konzept der Nachhaltigkeit ist eng mit der Tätigkeit des Menschen verbunden. Der Mensch schafft wirtschaftliche Entwicklung, die ihrerseits Auswirkungen auf die Umwelt hat. Das Gleichgewicht zwischen menschlicher Aktivität und Strapazierfähigkeit der Umwelt ist wichtigster Indikator für Nachhaltigkeit.


2. Wie nachhaltig ist Taiwan heute und wie nachhaltig wird es in 20 Jahren sein?
Dr. LIANG:
Taiwans Bemühungen um Nachhaltigkeit werden beeinflusst von ungünstigen natürlichen Faktoren. Dazu zählen unvermeidbare Naturkatastrophen wie Taifune, der Anstieg des Meeresspiegels, geographische Gegebenheiten und der Klimawandel. Taiwan muss sich den mit Naturkatastrophen einhergehenden großen Risiken stellen. Außerdem ist Taiwan relativ arm an natürlichen Ressourcen wie z.B. Wasser.
Um seinen Kohlendioxidausstoß zu verringern, sollte Taiwan stärkere Bemühungen in den Bereichen Energieeinsparung und Energieeffizienz zeigen. Taiwans Export entspricht 70% seines BIP. Der Anteil der energieintensiven Industrie ist besonders hoch und die Energiepreise sind relativ niedrig. Aufgrund dieser drei Faktoren sind Energieeinsparung und CO2-Reduzierung nicht leicht zu erreichen.
Die taiwanische Regierung hat im September 2008 eine „Politik zur Entwicklung nachhaltiger Energien“ verkündet. Auf staatlicher Seite gibt es also bereits eine langfristige Vision und Strategie für nachhaltige Entwicklung. Dazu zählen die Verringerung des CO2-Ausstoßes bis 2020 auf das Niveau von 2005, bzw. bis 2025 auf das Niveau des Jahres 2000. Energieeinsparung soll erreicht werden durch Verringerung der Energieintensität. Erfreulich ist, dass sich die Energieintensität von 2008 bis 2010 bereits um mehr als 2% im Jahresdurchschnitt verringert hat. Die Frage, wie nachhaltig Taiwan in 20 Jahren sein wird, hängt von der Umsetzungsfähigkeit der politischen Strategien ab. Wichtig ist zudem, ob zwischen den Parteien und innerhalb der Gesellschaft ein Konsens erreicht werden kann. Ohne Konsens sind Entscheidungen für Bau- und Produktionsstandards, technische Ausrichtungen und Richtungsvorgaben, die in Energieeinsparung und besserer Energieeffizienz münden sollen, nicht möglich. Wird ein Konsens erreicht, dann könnte Taiwan in 20 Jahren hinsichtlich Energieeffizienz schon einen bedeutenden Schritt nach vorn getan haben.

3. Wie können Deutschland und Taiwan beim Thema Nachhaltigkeit zusammenarbeiten?

Dr. LIANG:

Deutschland ist im Bereich der erneuerbaren Energien schon sehr weit fortgeschritten. Staatliche deutsche Stellen schöpfen aus einer Vielzahl begleitender und fördernder Maßnahmen. Meine Meinung zu subventionierten Einspeisungstarifen ist etwas abweichend. Aus wirtschaftlicher Sicht halte ich es für sinnvoll, die Verwendung technisch ausgereifterer Energiesparmethoden und Waren zu fördern. Ich bin aber eher zurückhaltend, was die kostspielige staatliche Subvention von erneuerbaren Energien angeht, deren Gewinnung teuer und noch nicht ausgereift ist und die daher nicht konkurrenzfähig sind. Stattdessen sollte die diesbezügliche Forschung stärker unterstützt werden, um die Technologien zu verbessern, Kosten zu senken und die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Taiwanische Hersteller sind innovativ, operieren global und sind gut verwaltet. Durch Zusammenarbeit mit dem technisch hochentwickelten Deutschland können wir die Produktionskosten neuer Technologien sicherlich senken und auch bei der Erschließung der Märkte in Entwicklungsländern (z.B. VR China) kooperieren. Taiwan hat großes Potential bei der Entwicklung erneuerbarer Energien. Deutschland sollte Taiwan auf die Liste seiner Kooperationspartner setzen. Ich bin überzeugt, dass sich zukünftig noch viele Chancen für Zusammenarbeit ergeben.